Mit Bohrlöchern Gemüse züchten

Ein niederösterreichischer Unternehmer arbeitet an einer Innovation, die im ersten Moment widersprüchlich klingt. Er will mithilfe von Ölbohrlöchern Gemüse züchten. 

In der Europäischen Union gibt es immer noch rund 85.000 Löcher, aus denen Unternehmen Erdöl und Erdgas fördern. Und dass, obwohl wir längst wissen, wie katastrophal sich das Verbrennen von fossilen Brennstoffen auf unser Klima auswirkt. Doch ausgerechnet diese Löcher können einen Beitrag für eine klimaschonende Landwirtschaft leisten. Davon ist der Unternehmer Robert Philipp überzeugt. Er will mit seinem Unternehmen Greenwell Wasser in stillgelegte Bohrlöcher leiten und so die Erdwärme in der Tiefe nutzen. Was das mit Gemüse zu tun hat? Alles der Reihe nach.

Umbau statt Rückbau

Philipp findet die Bohrlöcher dann interessant, wenn sie für Mineralölkonzerne uninteressant werden. Denn ab einem bestimmten Punkt kommt nicht mehr genug Erdöl bzw. Gas nach oben, die Förderung wird unrentabel. Normalerweise bauen Mineralölkonzerne dann die Technik rund um das Loch ab und versiegeln es. Das weiß Robert Philipp aus eigener Erfahrung. Viele Jahre war er an eben diesem Rückbau beteiligt. Er hat Umwelttechnik an der Universität für Bodenkultur studiert und war ab 1995 bei der OMV tätig.

„Wenn die Bohrlöcher stillgelegt werden, hat es da unten aber noch 100 Grad“, erklärt Philipp dem FREDA Magazin im Interview. Denn eine typisches Ölbohrloch reicht 2.000 bis 3.000 Meter in die Tiefe, manche sogar noch deutlich weiter. Dort unten herrschen hohe Temperaturen. Pro 100 Meter, die man tiefer bohrt, steigt die Temperatur um etwa drei Grad an. Zum Vergleich: Eine durchschnittliche Erdwärmesonde für einen Privathaushalt endet in rund 150 Metern Tiefe. Am unteren Ende von Erdöllöchern gibt es also viel Wärme.

Das enorme Potenzial der Erdwärme

Wenn wir diese Wärme wirtschaftlich nutzen, sprechen wir von Geothermie oder Erdwärme. Dabei entstehen keine klimaschädlichen Gase. Deswegen zählt Erdwärme zu den erneuerbaren Energien. Ihr Potenzial ist riesig. In der Erdkruste steckt laut International Renewable Energy Agency 50.000-mal mehr Energie in Form von Wärme als in allen Öl- und Gasvorkommen der Welt. Einen Haken gibt es allerdings: Um an die Energie heranzukommen, müssen wir Löcher bohren. Je tiefer, desto besser. Und das kostet viel Geld.

Diese Grafik zeigt vereinfacht, wie die Wärmegewinnung funktioniert. Greenwell pumpt kühles Wasser durch ein stillgelegtes Ölbohrloch in 1500-3000 Meter Tiefe. Dort erwärmt es sich und steigt wieder auf. Oben wird dem Wasser mithilfe eines Wärmetauschers die Wärme entzogen und damit ein Glashaus beheizt. ©Greenwell

Und genau hier setzt Robert Philipp an. Indem er Löcher nutze, die bereits da sind, lasse sich die Erdwärme kostengünstiger produzieren, schildert er. Die Ölfirma übergibt das Bohrloch versiegelt an ihn. Das verhindert, dass später Öl beziehungsweise Gas in das Erdwärmesystem eindringt. Dann bauen die Greenwell-Ingenieure ein zweites, schmäleres Rohr in das bereits bestehende ein. Im äußeren Rohr wird dann kaltes Wasser nach unten gepresst. Am Weg nach unten wärmt es sich auf und steigt durch das schmälere Rohr nach oben. Das Wasser gibt anschließend seine Wärme an einen Wärmetauscher ab und wird kalt wieder nach unten geleitet. Dann beginnt der Kreislauf von vorne.

Letztes Jahr ist im tschechischen Hodonín die erste Pilotanlage in Betrieb gegangen. Derzeit arbeite man gemeinsam mit der TU Wien am Feinschliff der Software, aber sie funktioniere einwandfrei, erklärt Philipp. Allerdings: Noch steigt die gewonnene Wärme aus der Testanlage in die Luft. Zukünftig soll sich das natürlich ändern.

Wärme vor Ort nutzen

Wie genau man die Wärme der Ölbohrlöcher am besten nutzen könnte, darüber habe Robert Philipp gemeinsam mit seinen beiden Mitgründer:innen Werner Donke und Asetila Köstinger lange nachgedacht. Würde man die Wärme zu Wohnhäusern leiten und sie dort zum Heizen nützen, bräuchte man lange Leitungen, schildert Philipp. Denn die meisten Bohrlöcher lägen weit weg von Siedlungen. Die Infrastruktur wäre also aufwendig und teuer. „Also haben wir uns gedacht, wir bringen die Kunden zur Wärme und nicht umgekehrt“, fasst der Unternehmer die wirtschaftlichen Überlegungen zusammen.

Gemüse Bohrlöcher
Gemüse züchten mit Erdöllöchern. Man könnte dem Unternehmer Robert Philipp durchaus unterstellen, eine verbohrte Idee zu haben. Aber der Gedanke macht Sinn, wenn man ihn erst einmal verstanden hat. ©Greenwell
Beheizen von Gewächshäusern

Mit der Zeit wurde die Idee immer klarer, erzählt Philipp und bringt nun endlich das Gemüse ins Spiel. Denn nachdem man sich den Markt genauer angesehen habe, war klar: Die Wärme eigne sich ideal zum Heizen von Gewächshäusern.

Die meisten Bohrlöcher liegen inmitten von landwirtschaftlichen Flächen. Was läge also näher, die Wärme auch für landwirtschaftliche Zwecke einzusetzen, schildert Philipp die Geschäftsidee. Mit einem der umgebauten Ölbohrlöcher ließe sich durchschnittlich ein 2000 bis 3000 Quadratmeter großes Gewächshaus beheizen. Eine Größe, die gut zur klein strukturierten Landwirtschaft Österreichs passe, sagt Philipp. Möglich wäre aber auch, dass man die Wärme zur Insektenzucht, zur Trocknung oder zur Fermentierung nützt. Möglichkeiten gibt also es viele.

Gemüse Bohrlöcher
Die Pilotanlage nahe dem tschechischen Ort Hodonín ist seit letztem Jahr in Betrieb.
Viele Kunden, wenig Bohrlöcher

Früher hätte er viele Angebote für stillgelegte Erdöllöcher gehabt, aber noch keine Kund:innen, die seine Wärme auch wirklich wollten. Jetzt ist es umgekehrt, erzählt der Unternehmer. Die Mineralölkonzerne sind so damit beschäftigt, Öl und Gas zu fördern, dass er kaum an stillgelegte Löcher herankommt. Denn wegen der stark gestiegenen Öl- und Gaspreise lässt sich momentan selbst mit bisher unrentablen Bohrlöchern Geld verdienen.

Auf der anderen Seite ist die Nachfrage nach erneuerbarer Wärme derzeit besonders hoch. Landwirt:innen würden ihm „die Tür einrennen“, erzählt Robert Philipp. Kein Wunder, suchen sie doch dringend nach Möglichkeiten, trotz der enorm gestiegenen Energiepreise ihre Gewächshäuser weiter beheizen zu können.

Für die Zukunft hat Robert Philipp große Pläne. In den nächsten zehn Jahren möchte er 1.000 Erdöllöcher auf Erdwärme umrüsten. Trotz der widrigen Umstände. Erst habe ihn Corona um Jahre zurückgeworfen, jetzt mischt der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine die Karten am Energiemarkt neu. Trotzdem gehe man Schritt für Schritt vorwärts. Greenwell führe derzeit Gespräche für eine zweite Pilotanlage in Oberösterreich, schildert Robert Philipp. In wenigen Jahren schon könnte also heimisches Gemüse auf unseren Tellern landen, das mit Hilfe eines Ölbohrlochs gezüchtet wurde.

Über die/den Autor:In

Markus Englisch
Markus Englisch
Markus studierte TV- und Medienproduktion in Wien. Sein größter Antrieb als Journalist ist es, die Klimakrise für alle Menschen begreifbar zu machen. Zuletzt war er als Redakteur bei PULS 4 tätig und leitete das Nachhaltigkeitsmagazin KLIMAHELDiNNEN.

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