Erinnern für die Zukunft

Sie gehen in die USA, nach Tschechien oder Israel. Junge Gedenkdienstleistende erinnern aktiv an die Opfer der Nazis und leisten ihren Beitrag dazu, dass sich die Verbrechen der Nazis nicht mehr wiederholen. Erinnern ist immer wichtig, aber gerade jetzt ist es noch viel wichtiger. Denn rechtsradikale und demokratiefeindliche Parteien bekommen in Europa immer mehr Zulauf. In Deutschland schmieden sie bereits Deportationspläne für Millionen von Menschen. 

Der Blick verändert sich. Man erkennt besser, wenn der Professor die türkische Studienkollegin diskriminiert. Man entdeckt antisemitische Codes in Bildern auf Instagram, die auf den ersten Blick gar nicht problematisch erscheinen. Und man versteht, was das Ganze eigentlich mit einem selbst zu tun hat. Der Gedenkdienst schärft den Blick und macht wachsamer. „Wenn man sich täglich mit Einzelschicksalen auseinandersetzt, muss einem bewusst sein, wie sehr man bei rechten gesellschaftlichen Veränderungen aufpassen muss. Denn mit jedem rassistischen und antisemitischen Vorfall verschiebt sich die Grenze des gesellschaftlich Erlaubten ein Stück“, sagt Miriam Bonaparte. Sie leistet derzeit ihren Gedenkdienst in New York.

„Als Land von Tätern und Täterinnen ist es wichtig, zu erinnern.“

Gedenkdienst
Nadine Dimmel ist Obfrau vom Verein Gedenkdienst. © Verein Gedenkdienst

Gedenkdienst – das ist aktive Erinnerungspolitik. Freiwillige arbeiten ein Jahr lang in Gedenkstätten, Bildungseinrichtungen und Altenbetreuungseinrichtungen im Ausland mit. Ihre Aufgabe: An die Opfer der Nationalsozialist:innen erinnern, in Archiven recherchieren und mit Holocaust-Überlebenden sowie deren Angehörigen in Austausch treten. „Als Land von Tätern und Täterinnen ist es wichtig, zu erinnern. Aber mehr in einer Art und Weise, dass man mahnt, dass die Verbrechen nicht vergessen werden. Auch einfach aus Respekt gegenüber den Opfern“, sagt Nadine Dimmel. Sie ist Obfrau des Vereins Gedenkdienst, der pro Jahr bis zu 20 Gedenkdienstleistende ins Ausland entsendet.

Das mit dem Erinnern ist seit jeher schwierig in Österreich. Lange Zeit ruhte man sich auf dem Opfermythos aus. Österreich als erstes Opfer Nazi-Deutschlands. Mit den Täter:innen wollte man nichts gemein haben. Erst 1991 gab der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky die Mitschuld Österreichs an den nationalsozialistischen Verbrechen zu. Dass die Aufarbeitung der Nazi-Zeit so spät begonnen hat, ist ein Problem – bis heute.

In Kontakt treten mit Holocaust-Überlebenden
Gedenkdienst
Miriam Bonaparte leistet ihren Gedenkdienst am Leo Baeck Institute in New York. © Miriam Bonaparte

Miriam sucht in New York nach jüdischen Emigrant:innen und Holocaustüberlebenden, die aus Österreich nach Nordamerika geflohen sind. Sie arbeitet am Leo Baeck Institute für das Projekt „Austrian Heritage Collection“ und führt dafür Interviews mit Emigrant:innen, damit deren Geschichte nicht verloren geht. „Bisher war ich meistens nur in Kontakt mit in Österreich gebliebenen Holocaustüberlebenden. Daher ist es sehr spannend, die Geschichten von österreichischen Emigrant:innen zu hören und zu lernen“, schildert sie ihre bisherigen Erfahrungen.

Lena Lasinger ist auf der anderen Seite des Atlantiks geblieben. Am Institut Theresienstädter Initiative in Prag sucht sie in Archiven nach Opfern. In einer Datenbank dokumentiert sie all jene Menschen, die die Nazis auf tschechischem Boden ermordet oder aus Tschechien deportiert haben. „Ich arbeite mit Originaldokumenten, die teilweise noch nie jemand gesehen hat, was extrem spannend ist für mich”, gibt sie Einblick in ihre Arbeit.

Gedenkdienstleistende werden Multiplikator:innen

Der Gedenkdienst ist vielseitig. Je nach Einsatzort unterstützen Gedenkdienstleistende bei unterschiedlichen Tätigkeiten. Es gibt wissenschaftliche Einrichtungen, wie die Einsatzorte von Lena und Miriam. Andere gehen direkt an die Orte der Verbrechen wie Auschwitz-Birkenau oder Theresienstadt. Und wieder andere verbringen Zeit mit Holocaust-Überlebenden in einer Altenbetreuungseinrichtung in Buenos Aires. “Die Einsatzstellen sind sehr divers. Es gibt nicht konkret die eine Arbeit, die alle machen, sondern es kommt immer sehr darauf an, wofür man sich bewirbt und wofür man auch genommen wird“, hält Nadine Dimmel fest.

Eines haben aber alle Einsatzstellen gemeinsam. Sie machen die Gedenkdienstleistenden zu Multiplikator:innen. „Sie können dann das alles, was sie gelernt haben in diesem Jahr, in dem sie sich extrem intensiv mit dem Thema Nationalsozialismus und der Vergangenheit beschäftigt haben, in ihr Umfeld mitnehmen. In ihren Freund:innenkreis, an den Ort, wo sie dann arbeiten“, hält Nadine fest. Sie entwickeln ein kritisches Geschichtsbild, einen geschärften Sinn für Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Mechanismen, die dazu führen. „Und mit diesem geschärften Blick geht man dann in seinen Alltag zurück oder wird schlagfertiger, man hat bessere Argumentationen“, betont Dimmel.

Gedenkdienst
Lena Lasinger sucht in Prag nach Opfern der Nationalsozialist:innen. © Lena Lasinger
Erinnern als Mahnmal

Eine Eigenschaft, die immer wichtig ist, aber gerade jetzt ist sie noch viel wichtiger. Rechtsradikale und rechtsextreme Parteien in Europa führen Wahlumfragen an und werden von immer mehr Menschen gewählt. In Rom marschieren Neofaschist:innen auf.  Deutsche und österreichische Rechtsextreme schmieden Deportationspläne, wie Correctiv aufgedeckt hat. „Erinnern ist extrem wichtig. Man sieht jetzt, dass es zu solchen Vorfällen immer wieder kommen kann und dieses Erinnern soll auch ein Mahnmal sein, dass das eben nie wieder passiert“, unterstreicht Lena Lasinger. Der Gedenkdienst hat sie bereits in ihrem Handeln und Denken verstärkt. „Durch meine Arbeit hier merke ich immer mehr, wie wichtig es ist, dem entgegenzustehen und dagegen zu arbeiten“, ist sie sich sicher.

„Beitrag für eine Gesellschaft fern von jeder Ausgrenzung.“

Auch Miriams Blick hat sich verschärft. „Rechte Parteien und Gruppierungen erstarken weltweit. Umso wichtiger ist es, seinen Beitrag für eine Gesellschaft fern von jeder Ausgrenzung zu leisten“, hält sie fest. Dass beispielsweise antisemitische Vorfälle bei Corona-Demonstrationen gestiegen sind, sieht sie sehr kritisch. „Genau aus Gründen wie diesen ist eine aktive Gedenkpolitik wichtiger denn je“, sagt sie. Und sie verweist darauf, dass ihre Generation die letzte ist, die von Zeitzeug:innen lernen kann: „Ihre Erinnerungen sollten nicht nur eine Lehre sein, dass so etwas nie wieder geschehen darf, sondern auch, dass man sich täglich für eine gerechte Gesellschaft einsetzen muss.“

Erinnern allein reicht noch nicht

Es braucht laut Nadine aber mehr als nur Erinnern. „Erinnern um des Erinnerns Willen ist nie ausreichend“, betont sie. Nur weil Schulklassen durch das Konzentrationslager Mauthausen geschickt werden, heißt das nicht, dass niemand mehr antisemitisch ist. Es braucht mehr Vor- und Nachbereitung. Es braucht Workshops, in denen jene Mechanismen und Dynamiken offengelegt werden, die zum Nationalsozialismus geführt haben. So kann man ein kritisches Geschichtsbild entwickeln. „Nur wenn man diese Kontinuitäten und Dynamiken benennt, versteht man auch, warum das so schlimm ist und warum das auch heute noch relevant ist. Dieses Erinnern und diese Aufarbeitung der Geschichte müssen einfach verknüpft sein mit Bildungsarbeit“, betont Nadine.

Hier ist einerseits die Politik gefragt, andererseits aber auch die Zivilgesellschaft und damit Vereine wie der Verein Gedenkdienst. Dieser sorgt nicht nur für Erinnerungsarbeit im Ausland, sondern auch im Inland. Er bietet unter anderem Workshops an, in denen man sich mit der Vergangenheit und der Gegenwart beschäftigt, und Studienfahrten an Orte des Verbrechens.

Bis Ende August sind Lena und Miriam noch an ihren Einsatzorten in Prag und New York und leisten ihren Beitrag, damit die Verbrechen der Nationalsozialist:innen nicht vergessen werden. Nadine und ihr Team werden bis dahin einen neuen Jahrgang Gedenkdienstleistender finden. Denn das Erinnern, das hört nie auf.

Du interessierst dich für einen Gedenkdienst im Ausland? Hier findest du alle Infos.

Über die/den Autor:In

Nicole Frisch
Nicole Frisch
Nicole studiert Politikwissenschaft und Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Das Ziel: Die Weltpolitik verstehen – und das Verstandene mit möglichst vielen Menschen teilen. Ihren Weg in den Journalismus hat sie über die NÖN gefunden. Ihre Schwerpunkte sind soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Migration und Vergangenheitspolitik.

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