Unwetter: So viel Anteil hat die Klimakrise

Computersimulationen können uns zeigen, wie sich die Klimakrise auf Extremwetter auswirkt. Klimaforscher Douglas Maraun erklärt uns im Gespräch, ob es die Unwetter in Südösterreich auch ohne Klimakrise gegeben hätte. Die Antwort ist eine andere, als wir erwartet hätten.

Der Sommer ist zwar vorbei, aber der Schrecken steckt vielen Steier:innen und Kärtner:innen noch in den Knochen. Im August hat Starkregen Teile der Südsteiermark und Unterkärntens in Katastrophengebiete verwandelt. Wetterstationen haben Rekorde gemeldet. Noch nie hat es in so kurzer Zeit so viel geregnet.

Ist das noch normales Wetter?

Kaum war der Regen vorbei, ist die nächste Gefahr nachgerückt: Hangrutschungen. Zerstörte Häuser, blockierte Straßen und abgeschnittene Ortschaften waren die Folge. In vielen Gemeinden dauern die Aufräumarbeiten bis heute an. Nach den Unwettern stellt sich unweigerlich die Frage: Ist das noch normales Wetter? Hätte es diese Unwetter auch ohne Klimakrise gegeben?

Attributionsforschung hat Antworten

Die sogenannte Attributionsforschung hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Fragen wissenschaftlich zu beantworten. Wer allerdings ein klares Ja oder Nein als Antwort erwartet, wird von Douglas Maraun schnell eines Besseren belehrt.

Maraun ist einer der führenden Klimaforscher Österreichs und hat als Leitautor am letzten Weltklimabericht der IPCC mitgeschrieben. Er lehrt und forscht am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz.

„Der Klimawandel löst Unwetter nicht aus, nimmt aber auf jedes einzelne Wetterereignis Einfluss.“

„Wahrscheinlich hätte es diese Unwetter auch ohne Klimawandel gegeben“ sagt der Klimaforscher und holt sofort zu einem Aber aus. „Die Unwetter werden aber stärker.“ Wer fragt, ob ein Gewitter von der Klimakrise verursacht ist, stelle die Frage falsch, so Maraun.

Zwei wissenschaftliche Lager

In der Attributionsforschung gebe es zwei Lager, erzählt uns Douglas Maraun. Die einen beschäftigen sich mit der Auftrittswahrscheinlichkeit von Extremwettern. Ihre Ergebnisse werden von Journalist:innen oft verkürzt wiedergegeben. Schlagzeilen wie „Studie zeigt: Hitzewellen im Juli ohne Klimawandel praktisch unmöglich“ stoßen ihm sauer auf, denn sie vermitteln ein falsches Bild. „Der Klimawandel löst solche Ereignisse nicht aus, nimmt aber auf jedes einzelne Wetterereignis Einfluss.“

Zuverlässigere Aussagen zu Intensität von Unwettern

Maraun gehört zum anderen Lager. Er und seine Kolleg:innen forschen zur Intensität von Wetterereignissen. Das heißt: Er stellt sich nicht die Frage, ob Unwetter häufiger werden, sondern, ob sie stärker werden. Hier ließen sich bereits zuverlässige Aussagen treffen, ist der Klimaforscher überzeugt.

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Simulationen helfen der Wissenschaft

Für seine Forschungen nutzt Douglas Maraun Computersimulationen. Dazu lässt er einen Computer zum Beispiel ein echtes Unwetter eins zu eins nachspielen.

Der Computer verwendet dafür reale Messdaten von Wetterstationen, wie etwa Temperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit. „Wir konnten Ereignisse so simulieren, wie sie tatsächlich stattgefunden haben“, erzählt der Klimaforscher.

„Ein Grad Erwärmung kann Gewitter um 14 Prozent stärker machen.“

Das zeigt, wie exakt Computersimulationen arbeiten. Um nun die Auswirkungen der Klimakrise zu untersuchen, simuliert Maraun das Unwetter erneut, diesmal mit einer niedrigeren Temperatur. Anschließend vergleicht er die beiden Simulationen. „Ein Grad Erwärmung kann die Intensität eines Gewitters um 14 Prozent erhöhen“, erzählt der Forscher. Eine höhere Gewitterintensität kann größere Regenmengen bedeuten, höhere Windgeschwindigkeiten und mehr Blitze.

Auch Hangrutschungen lassen sich simulieren

Mithilfe von Simulationen untersucht Douglas Maraun auch Hangrutschungen. In einem gebirgigen Land wie Österreich gehören sie zu den größten Gefahren, die mit starkem Regen verbunden sind. In einer Studie hat er ein großes Hangrutschereignis in der Südoststeiermark untersucht. 3000 Hangrutschungen gab es dort 2009.

„Wenn der Klimawandel ungebremst weitergeht, dann wären bis zu 40 Prozent größere Flächen von Hangrutschungen betroffen“, erzählt Maraun von den Ergebnissen der Simulationen. Bei einer Erwärmung von 1,5 Grad, also jenem Anstieg, der im Pariser Klimaabkommen festgeschrieben ist, wären es nur um 10 Prozent mehr.

Die Erkenntnisse der Attributionsforschung zeigen also eines klar auf: Es macht einen Unterschied, ob wir eine Erwärmung von eineinhalb Grad oder von über drei Grad haben. Das gilt für alle Extremwetterereignisse.

Klimaschutz lohnt sich

Zurück zu den Unwettern im Süden Österreichs. Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte es also die Unwetter des heurigen Sommers auch ohne Klimakrise gegeben. „Die Klimawandel verändert das Auftreten von Wetterlagen nur schwach“, erläutert der Klimaforscher.

Seine Computersimulationen zeigen aber, dass die Klimakrise sehr wohl einen Unterschied macht. „Die spürbare Änderung passiert in der Intensität“, fasst es der Klimaforscher zusammen. Selbst wenn die Klimakrise Hitzewellen, Unwetter und Dürren nicht direkt auslöst, sie macht sie stärker. Und das heißt für uns: Wir müssen alles denkbar Mögliche tun, um die Klimakrise abzuschwächen. Denn mit jedem Zehntel Grad, um das es wärmer wird, wird unser Wetter extremer. Noch haben wir es in der Hand, das zu verhindern. Das ist es, was die Attributionsforschung leisten kann. Indem sie zeigt, wie sehr sich Klimaschutz lohnt.

Über die/den Autor:In

Markus Englisch
Markus Englisch
Markus studierte TV- und Medienproduktion in Wien. Sein größter Antrieb als Journalist ist es, die Klimakrise für alle Menschen begreifbar zu machen. Zuletzt war er als Redakteur bei PULS 4 tätig und leitete das Nachhaltigkeitsmagazin KLIMAHELDiNNEN.

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