5 Fakten über Antibiotika in der Tierhaltung

Durch die Tierhaltung landen immer wieder Krankheitserreger im Fleisch, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft. Das gefährdet auch Menschenleben – allerdings auf anderem Wege, als die meisten von uns vermuten. Ein neues Tierarzneigesetz soll den Einsatz von Antibiotika strenger regulieren.

In Europa sterben jedes Jahr mehr als 35.000 Menschen, weil Bakterien resistent gegen Antibiotika sind. Das bedeutet, dass die Medikamente nicht mehr gegen diese Bakterien helfen. Manche dieser resistenten Bakterien stammen aus der Tierzucht. Denn wie in der Humanmedizin werden auch in der Tiermedizin große Mengen an Antibiotika eingesetzt. Das Problem: Manche Bakterien bei Tieren sind bereits resistent. Durch den häufigen Antibiotikaeinsatz vermehren sich diese Resistenzen immer weiter. Diese Bakterien können im Fleisch stecken und über den Kontakt mit kontaminierten Produkten im menschlichen Körper landen.

Ab Jänner 2024 tritt daher ein neues Tierarzneimittelgesetz (TAMG) in Kraft. Das Gesetz soll den Einsatz von Antibiotika bei Tieren strenger kontrollieren. Ziel ist es, die Entstehung von Antibiotikaresistenzen zu reduzieren und gleichzeitig das Wohlbefinden der Tiere zu verbessern. Wir haben mit Antibiotikaresistenz-Expertin Annemarie Käsbohrer gesprochen. Sie ist Leiterin der Abteilung Öffentliches Veterinärwesen und Epidemiologie an VetMeduni. Gemeinsam gehen wir den wichtigsten Fragen über Antibiotika auf den Grund.

1. Wie entstehen Antibiotikaresistenzen?

Antibiotika sind Medikamente, die zur Behandlung von bakteriellen Infektionen eingesetzt werden. Sie wirken, indem sie die Bakterien abtöten oder ihre Vermehrung stoppen. „Das größte Problem mit Antibiotika ist, dass Bakterien lernen können, sich gegen die Wirkung der Medikamente zu wehren. Einmal erlernt, geben sie dieses Wissen an andere Bakterien weiter“, erklärt Käsbohrer. Die Folge: Die Antibiotika wirken nicht mehr. Dadurch können sich resistente Bakterien ungehindert vermehren und zu schweren Infektionen führen, die man nicht mehr behandeln kann.

2. Können Antibiotikaresistenzen von Tieren auf Menschen übertragen werden?

Ja, Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind, können von Tieren auf Menschen übertragen werden. Das kann passieren, wenn wir Fleisch oder tierische Produkte essen, die solche Bakterien enthalten. Aber auch, wenn wir direkt mit Tieren in Kontakt kommen, die diese Bakterien in sich tragen.

Ein Beispiel dafür ist der MRSA-Keim: Staphylococcus aureus, die nicht resistente Variante, ist ein Keim, der überall in der Natur zu finden ist – auch auf der Haut von vielen Menschen und Tieren. Bei gesunden Menschen löst er meist keine Krankheitssymptome aus. Ist das Immunsystem eines Menschen aber geschwächt, kann dies zu Hautentzündungen, Muskelerkrankungen bis hin zu lebensbedrohlichen Krankheiten wie Lungenentzündung oder Herzinnenhautentzündung führen. Der Keim kann von Mensch zu Mensch übertragen werden. Häufig wird er aber auch von Tieren auf Menschen übertragen, beispielsweise auf Personal in der Tierhaltung oder im Schlachthaus. Durch Antibiotika ließ sich der Keim früher sehr sicher abtöten. In den 70er Jahren wurde er allerdings durch einen zu häufigen und falschen Antibiotikaeinsatz immun und baute Resistenzen auf. Was bedeutet, dass manche Antibiotika nicht mehr wirken und ggf. den Menschen nicht heilen können. Das hat bis heute auch Todesopfer gefordert.

Resistente Bakterien können über den Kontakt mit Tieren oder kontaminierten Lebensmittel auch im Fleisch und schließlich in unserem Körper landen. © Adobe Stock
Resistente Bakterien können über den Kontakt mit Tieren oder kontaminierten Lebensmittel auch im Fleisch und schließlich in unserem Körper landen. © Adobe Stock
3. Antibiotika im Schnitzel: Nehmen wir beim Essen Antibiotika auf?

Nein, obwohl Tieren im Bedarfsfall Antibiotika verabreicht werden, gelangen die Medikamente nicht in unser Essen. Das liegt daran, dass Tiere, die mit Antibiotika behandelt werden, zunächst nicht für die Lebensmittelproduktion verwendet werden dürfen. „Das bedeutet, wenn ich eine Milchkuh habe, die krank ist und Antibiotika bekommt, darf ich die Milch von dieser Kuh für eine bestimmte Zeit nicht verkaufen“, so Käsbohrer. Erst nach Ablauf einer vorgegebenen Wartezeit dürfen die Tierprodukte wieder verarbeitet werden. Dann ist die Menge an Antibiotika in den Produkten auf ein sicheres und für den Menschen unbedenkliches Niveau gesunken.

Dieser Prozess wird von der Lebensmittelaufsicht streng überwacht. Bei Nichteinhaltung, also wenn in einem Produkt dennoch Rückstände gefunden werden, muss der Betrieb mit einer hohen Strafe rechnen, bis hin zur Schließung.

4. Kann man in der Landwirtschaft resistente Keime vermindern?

„Ja, um resistente Bakterien in der Landwirtschaft zu reduzieren, müssen Antibiotika aber richtig verwendet werden“, erklärt Käsbohrer. Das bedeutet, Antibiotika sollten nur dann eingesetzt werden, wenn sie zur Behandlung von Krankheiten unbedingt erforderlich sind. Ein wichtiger Punkt im neuen TAMG ist daher das Verbot, Antibiotika zur Vorbeugung einzusetzen. Auch das langjährige Verbot des Einsatzes für die Ertragssteigerung wird bekräftigt. Damit Tiere gesund bleiben, ist es wichtig, dass sie unter guten Haltungsbedingungen leben. Stress, schlechtes Futter und zu wenig Platz können die Tiere schwächen und krank machen. Die verbesserte Tierhaltung spielt daher eine wesentliche Rolle in diesem neuen Gesetz.

Monitoring: Um den Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft künftig besser zu überwachen, hat die Behörde ein Monitoringsystem entwickelt. Dabei wird der Antibiotikaeinsatz erfasst und ausgewertet. Das bedeutet: Wenn ein Betrieb im Vergleich zum Durchschnitt der Branche übermäßig viele Antibiotika verwendet, darf die Behörde diesem Betrieb Maßnahmen vorschreiben. Dazu gehören beispielsweise Schulungen und Beratung sowie die Verbesserung der Haltungsbedingungen. Im Extremfall darf die Behörde vorschreiben, die Anzahl der Tiere auf dem Hof zu reduzieren.

Antibiogramm: Um die Ausbreitung von Krankheitserregern zu verhindern, ist es wichtig, kranke Tiere zu isolieren und in kleinen Gruppen zu halten. Die kranken Tiere sollen künftig noch häufiger auch einem Antibiogramm-Test unterzogen werden. Das bedeutet, sie werden getestet, um herauszufinden, welche Erreger ihre Krankheit verursachen. Anschließend wird getestet, welche Antibiotika gegen den Erreger wirken und ob bereits Resistenzen bestehen. Das Ergebnis hilft den Tierärzt:innen, das richtige Medikament auszuwählen und verhindert, dass weitere Resistenzen entstehen.

5. Was können wir machen, damit sich Resistenzen nicht weiter vermehren?

„Nicht nur die Landwirtschaft kann dazu beitragen, Antibiotikaresistenzen zu reduzieren, sondern auch wir als Verbraucher:innen“, erklärt Käsbohrer. Der erste Schritt besteht darin, unser eigenes Verhalten im Umgang mit Antibiotika zu überdenken. Das bedeutet, Antibiotika nur dann einzunehmen, wenn sie medizinisch wirklich notwendig sind. Der Kauf von qualitativ hochwertigen Produkten spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Eindämmung von Antibiotikaresistenzen. „Es ist besser, etwas weniger, dafür aber qualitativ hochwertige Produkte zu kaufen. Produkte, bei denen wir wissen, woher sie stammen und wie sie produziert und angebaut wurden“, betont die Abteilungsleiterin.

Über die/den Autor:In

Linda Weidinger
Linda Weidinger
Linda hat Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie CREOLE an der Uni Wien studiert. Die letzten Jahre arbeitete sie als Journalistin und Social Media-Redakteurin. Ihr Ziel: Die Menschen aufzuklären. Ihr Traum: eine offene, tierliebe und tolerante Gesellschaft. Ihre Schwerpunkte: Gerechtigkeit, Klima- und Umweltschutz.

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