Das Recht auf Mobilität

Kommt wirklich jede:r jederzeit und überall sicher und bequem an sein Ziel, dann ist ein Verkehrssystem gerecht. Wie das gelingen kann, darüber haben wir mit VCÖ-Verkehrsexperte Michael Schwendinger gesprochen. 

In den ländlichen Teilen Österreichs ist es um den öffentlichen Verkehr nicht gut bestellt. Ein Fünftel der Österreicher:innen lebt in Regionen, wo es an schulfreien Tagen keine Öffi-Verbindungen gibt. Das sind Regionen wie das Waldviertel, das Mühlviertel, die Südoststeiermark und das Südburgenland. Dort ist das Verkehrssystem zu großen Teilen auf das Auto ausgerichtet. Es gibt Schnellstraßen, Autobahnen und Bundesstraßen, aber vielerorts keinen Bahnhof und kaum Busverbindungen. Das heißt: Wer nicht Autofahren kann oder will, ist vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Das betrifft ganze Bevölkerungsgruppen. Denken wir nur an Kinder oder Senior:innen. Sie können noch nicht, beziehungsweise nicht mehr Auto fahren. Wollen sie zum Supermarkt am Stadtrand, sind sie auf Hilfe angewiesen. Manche Menschen können sich ein eigenes Auto außerdem gar nicht leisten.

Österreich ist nicht nur ein Land der Berge, sondern auch ein Land der Straßen. In vielen Regionen ist das Auto daher die einzige Möglichkeit, um mobil zu sein. © AdobeStock

Ein gerechtes Verkehrssystem sieht anders aus. Alle Menschen haben ein Recht darauf, mobil zu sein. Und zwar unabhängig von Fitness, Alter und Einkommen. „Wir brauchen ein öffentlich zugängliches Verkehrssystem mit einem bunten Angebot für alle“, fasst es Verkehrsexperte Michael Schwendinger vom VCÖ zusammen. Er tritt für die Mobilitätsgarantie ein. Dieses Konzept aus der Verkehrsplanung stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Das Versprechen: Jede:r kommt jederzeit und überall sicher, bequem und zuverlässig mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Fahrrad oder zu Fuß an sein Ziel.

Auch die österreichische Bundesregierung verfolgt diesen Ansatz. Etwas sperrig steht da im Regierungsprogramm von 2020: „Es soll zu einer Sicherstellung eines weitgehend stündlichen, ganztägigen Angebots von öffentlichem Verkehr im urbanen Raum und ländlichen Gebiet durch sämtliche Mobilitätsservices (…) kommen.“ Dass ein gutes Mobilitätsangebot auch den Bürger:innen wichtig ist, zeigt nicht zuletzt der Klimarat. „Es muss eine klimaneutrale Mobilitätsgarantie geben“, ist ihre erste Forderung im Bereich der Mobilität. Der Klimarat besteht aus zufällig ausgewählten Bürger:innen aus allen Regionen und Teilen der Gesellschaft.

Schritt für Schritt zur Garantie

Wie also kommen wir zu dieser Garantie und damit zu einem gerechten Verkehrssystem? Michael Schwendinger ist fest davon überzeugt, dass wir auf nichts mehr warten müssen. „Man muss nichts mehr Neues erfinden. Wir brauchen keine fliegenden Busse, keine selbstfahrenden Shuttles oder einen Hyperloop. Es gibt alle Konzepte für die Mobilitätsgarantie.“ Stattdessen bräuchte es nur mehr österreichweite Spielregeln, meint der Verkehrsexperte. Etwa Ziele und Mindeststandards. Ab wann sieht man die Mobilitätsgarantie als erfüllt? Und wichtiger noch: Wer finanziert die Maßnahmen und braucht es noch Gesetzesänderungen? Wenn diese Fragen beantwortet sind, geht es an die Umsetzung. Das heißt konkret:

  • Infrastruktur bauen
  • Mobilitätsdienstleistungen schaffen
  • Mobilitätsplattformen einrichten

Infrastruktur meint den Bau von Straßen, Schienen, Rad- und Gehwegen. Die alleine nützen uns aber wenig, wenn wir sie nicht mit Buslinien und Zugverbindungen bespielen. Das sind dann die Mobilitätsdienstleitungen. Zuletzt brauchen wir aber auch Mobilitätsplattformen. Zum Beispiel, um zu wissen, wann und wo eine Linie abfährt. Über Mobilitätsplattformen lassen sich etwa auch Tickets kaufen oder größere Reisen buchen.

Öffis sind mehr als Bus und Bahn

Wenn wir an den öffentlichen Verkehr denken, kommen uns Bus und Bahn in den Sinn. Um die Mobilitätsgarantie aber wirklich halten zu können, müsse man den öffentlichen Verkehr weiterdenken, meint Schwendinger. In dünn besiedelten Regionen sind Busse und Bahnen mit dichten Takten selten wirtschaftlich. Ein gerechtes Verkehrssystem muss aber auch hier Lösungen für alle bieten. Im Regierungsprogramm der Verweis auf „flexible, nachfrageorientierte Mobilitätsangebote.“ Oft werden solche Verkehrsmittel auch als Mikro-ÖV bezeichnet. Das sind zum Beispiel Dorfbusse und Anrufsammeltaxis. Mikro-ÖVs sind kleiner, flexibler und an die Bedürfnisse der lokalen Gemeinschaft angepasst. Sie sind günstiger zu betreiben und lohnen sich auch in Dörfern. Damit spielen sie eine Schlüsselfunktion bei der Mobilitätsgarantie. Mit dem Postbus-Shuttle gibt es ein solches Angebot schon in acht Regionen in ganz Österreich, etwa in Mödling, Leogang und am Ossiacher See. Das Shuttle ist im Prinzip ein normaler Kleinbus, der in das lokale Tarifsystem eingebunden ist. Die Fahrten werden per App bestellt.

Es müssen nicht immer hochrangige Verkehrsmittel sein. Kleine Dorfbusse und Ruftaxis spielen am Weg zur österreichweiten Mobilitätsgarantie eine Schlüsselrolle. © ÖBB/Marek Knopp
Die letzten Meter sind die wichtigsten

Mikro-ÖV spielt auch eine wichtige Rolle auf der letzten Meile. Der Begriff letzte Meile meint den letzten Abschnitt einer Reise, den wir zurücklegen müssen, um unser Ziel zu erreichen. Zum Beispiel der Weg vom Bahnhof zu unserem Haus. Fehlen attraktive Mobilitätsangebote auf dieser letzten Meile, kann das dazu führen, dass wir nicht auf Öffis umsteigen. Und das, obwohl es in der Nähe gute Verbindungen gäbe. Auch Car-Sharing-Dienste spielen hier eine wichtige Rolle. Das sind Online-Plattformen, die es ermöglichen, Autos auf Zeit zu mieten. Wir buchen ein Auto online, holen es ab und geben es nach der Nutzung wieder zurück. Je nach Art des Carsharings entweder am selben Ort oder innerhalb des Stadtgebiets. Michael Schwendinger sieht in diesen Mobilitätsdienstleitungen einen wichtigen Baustein für die Erreichung der Mobilitätsgarantie. Insbesondere in ländlichen Regionen, die stark auf das Auto ausgerichtet sind. „Man muss es ein, zweimal ausprobieren. Aber wenn sich Carsharing etabliert hat, dann hat es viel Potenzial.“ Dass das auch abseits von Großstädten gut funktioniert, zeigt Kufstein. Als erste Stadt Österreichs bietet sie ein flächendeckendes E-Carsharing an. Nicht länger als fünf Minuten geht jede:r Kufsteiner:in, um vor der nächsten E-Auto-Station zu stehen.

Aktive Mobilität muss sicher sein

Für die letzte Meile spielt aber auch aktive Mobilität eine große Rolle. Hier bedeutet die Mobilitätsgarantie, dass Gemeinden sichere und attraktive Fuß- und Radwege bauen. Wie ein Netz sollten sie sich durch die Ortschaften und Überland ziehen und alle wichtigen Orte des täglichen Lebens erschließen. Damit Menschen dann auch tatsächlich mit dem Rad fahren und zu Fuß gehen, müssen Rad- und Fußwege sicher sein. Das heißt: Sie sind breit, getrennt vom Autoverkehr und bieten sichere Querungsmöglichkeiten. Geschwindigkeitsbeschränkungen für Autos in Wohngebieten können zu noch mehr Sicherheit beitragen.

Es geht nicht nur um Verkehr

Warum müssen wir an den Ortsrand ins Fachmarktzentrum, um Seife und Zahnpasta zu kaufen? Warum ist die nächste Turnklasse drei Ortschaften entfernt und die Bücherei müssen wir in die Bezirkshauptstadt? „Mobilität ist kein Selbstzweck“, sagt Michael Schwendinger. Niemand braucht Verkehrsmittel per se, sie sind Mittel zum Zweck, um unseren Alltag zu bewältigen. Wäre die Drogerie, die Turnklasse und die Bücherei im Dorfzentrum, dann würden die meisten von uns zu Fuß gehen. Deswegen sind Stadtplanung und Verkehrsplanung untrennbar miteinander verbunden. In ganz Österreich gibt es in den Ortskernen leerstehende Geschäftsflächen. Wo früher Fleischereien, Greissler und Süßwarengeschäfte waren, sind heute zugeklebte Schaufenster. Um die Mobilitätsgarantie umzusetzen, gilt es, diese Ortskerne wieder mit Leben zu bespielen.

Die Vorarlberger Gemeinde Göfis hat ihren Dorfplatz zu einem attraktiven Ort der Begegnung umgebaut. Wenn Menschen ihre täglichen Erledigungen und sozialen Aktivitäten innerhalb des Ortes erledigen, erzeugt das deutlich weniger Verkehr. © Gemeindeamt Göfis
Vom Parkplatz zum belebten Ortszentrum

Wie das funktionieren kann, zeigt uns Göfis. Die Vorarlberger Gemeinde hat bereits 2014 ihren mit Autos zugestellten Dorfplatz in ein belebtes Ortszentrum verwandelt. Heute gibt es Geschäfte, eine Bücherei und sogar ein Reparatur-Café. Statt mit dem Auto in die Nachbarorte zu fahren, kommen die Menschen zu Fuß oder mit dem Rad auf den Dorfplatz, um einzukaufen oder Bekannte zu treffen. Regelmäßig finden am Dorfplatz Kulturveranstaltungen und Märkte statt. Ist diese soziale Infrastruktur im Ortszentrum, gibt es weniger Bedarf mobil zu sein.

Ein Verkehrssystem muss alle mitdenken

Wenn wir zukünftig über Mobilität reden, soll nicht mehr ein Fahrzeug im Mittelpunkt stehen, sondern die Menschen selbst. Das gewährleistet die Mobilitätsgarantie. Sie muss dabei natürlich für alle Menschen gleichermaßen gelten. Wird das konsequent verfolgt, dann bekommen wir am Ende ein gerechtes und klimafreundliches Verkehrssystem. Das ist eine Herausforderung. Senior:innen haben andere Bedürfnisse wie Kinder. Auch Menschen mit Behinderungen und Menschen mit geringem Einkommen müssen bei der Umsetzung mitbedacht werden. Aber ein buntes, öffentlich zugängliches Verkehrssystem kann gerecht sein, wenn es gut geplant ist. Ein System, das voraussetzt, dass wir Auto fahren, nicht.

Über die/den Autor:In

Markus Englisch
Markus Englisch
Markus studierte TV- und Medienproduktion in Wien. Sein größter Antrieb als Journalist ist es, die Klimakrise für alle Menschen begreifbar zu machen. Zuletzt war er als Redakteur bei PULS 4 tätig und leitete das Nachhaltigkeitsmagazin KLIMAHELDiNNEN.

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