Tierleid auf Europas Straßen

Legal, illegal, ganz egal: Täglich werden rund 3,8 Millionen Rinder, Schweine und Hühner quer durch Europa und weiter in Drittstaaten transportiert. Als Exportware deklariert, wird auf ihren Schutz kaum Wert gelegt. Das Tierleid ist dabei enorm. Thomas Waitz, EU-Abgeordneter der Grünen, will das nun ändern. 

„Sie haben alle einen Namen und die meisten hören auch darauf“, erklärt Toni Schuster und blickt stolz auf seine Kuhherde. Der Oberösterreicher ist Bauer aus Leidenschaft. Seit über 30 Jahren betreibt er einen mittelgroßen Bauernhof im Mühlviertel. Aktuell hat er 85 Milchkühe und einige Kälber. Geerbt hat er den Traditionsbauernhof von seinem Vater und dieser von dessen Vater. Das Arbeiten mit der Kuh ist Toni sozusagen in die Wiege gelegt worden. Seit einigen Jahren wird die Arbeit am Bauernhof allerdings immer härter. Die Preise für einen Liter Milch sinken stetig. Die Kosten für die Versorgung hingegen steigen. Hinzu kommt der Konkurrenzkampf am österreichischen Markt mit der Billig-Importware. Deswegen verkauft Toni auch öfters eine seiner Kühe sowie seine Kälber. „Wenn ich könnte, würde ich alle behalten. Das geht leider nicht. Daher hoffe ich, dass sie immerhin einen guten Platz finden“, meint er. Toni verkauft seine Kälber an einen bekannten Kuhhändler. Wohin dieser die Kälber weiterverkauft, erfährt Toni nur selten. Vor allem männliche Kälber gelten nach wie vor als Nebenprodukt der Milchindustrie und landen oft als Abfallprodukte in Drittstaaten. Und da beginnt auch schon das Problem.

Das globale Agrarsystem: ein industrielles Businessmodell

Das aktuelle globale Agrarsystem macht es für Kleinbauern wie Toni immer schwieriger, am internationalen wie nationalen Markt mithalten zu können. Sie werden von Massentierhaltungen kontinuierlich unterboten. Denn diese züchten, produzieren und verkaufen viel billiger. Auf Kosten der heimischen Landwirtschaft, der Konsument:innen, aber vor allem auf Kosten der Tiere. „Das hat mit herkömmlicher Landwirtschaft nichts mehr zu tun. Es ist vielmehr ein industrielles Businessmodell“, erklärt Thomas Waitz, EU-Abgeordneter der Grünen. Denn damit die Industrie so billig produzieren kann, werden die Tiere an verschiedenen Orten Europas gezüchtet, gemästet und geschlachtet. Jährlich werden so über 1,5 Milliarden Geflügeltiere und über 49 Millionen lebende Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Pferde innerhalb der EU sowie in und aus Drittstaaten transportiert. Auf das Wohl der Tiere achtet man dabei kaum. Mit fatalen Folgen: Regelmäßig kommt es zu Unfällen mit Tiertransportern, weil diese überladen sind. Viele Tiere kommen erschöpft oder verletzt am Zielort an. Einige schaffen es bis dahin gar nicht mehr. Und all das, obwohl es ein EU-Tiertransportgesetz zum Schutz der Tiere gibt.

EU-Abgeordneter der Grünen Thomas Waitz bei einer Tiertransport-Kontrolle in Österreich.© Paul Schwarzl
EU-Abgeordneter der Grünen Thomas Waitz bei einer Tiertransport-Kontrolle in Österreich.© Paul Schwarzl
Das Tierleid auf Rädern

Warum ist so etwas trotz Gesetz möglich? Aufgrund veralteter Regelungen und zu vieler Menschen, die einfach wegschauen. Einer, der nicht weg, sondern ganz genau hinschaut, ist Thomas Waitz, EU-Abgeordneter der Grünen und Bio-Bauer. Als Mitglied des Tiertransport-Untersuchungsausschusses des Europäischen Parlaments setzt er sich seit Jahren für eine Reform des aktuellen EU-Tiertransportgesetzes ein. In seinem Kurzfilm „Tierleid auf Rädern“ zeigt er die Missstände auf Europas Straßen auf. Ein Film, der einerseits die Gesellschaft auf das Thema aufmerksam machen soll. Andererseits will Waitz damit Druck auf die Politik ausüben. Denn das EU-Parlament soll Ende 2023 endlich eine Reform des EU-Tiertransportgesetzes verhandeln.

Warum das aktuelle EU-Tiertransportgesetz nicht ausreicht

Das aktuelle EU-Tiertransportgesetz existiert seit 2005. Es handelt sich um eine Verordnung der Europäischen Union, die die Bedingungen für den Transport von Tieren innerhalb der EU sowie den Export von Tieren aus der EU in Drittländer regeln soll. Allerdings treten bei Langstreckentransporten regelmäßig Missstände auf.

„Laut Gesetz dürfen zwei- bis dreiwöchige Kälber 19 Stunden transportiert werden, mit einer Stunde Pause. In dieser sollen die Kälber mit Milchpräparaten versorgt werden. Das ist auf einem dreistöckigen LKW technisch alleine schon unmöglich“, erklärt Thomas Waitz.

Das EU-Tiertransportgesetz regelt beispielsweise die Transportdauer. Für viele Tiere ist die vorgeschriebene Zeit jedoch untragbar: Schweine darf man beispielsweise 24 Stunden ohne Pause transportieren, Rinder sogar 29 Stunden mit nur einer Stunde Pause. Kaninchen und Hühner werden meist 12 Stunden transportiert. Generell gibt es für sie aber keine festgelegte Transportzeit. Auch nicht entwöhnte Kälber und Lämmer darf man transportieren. Eine ausreichende Versorgung der Jungtiere ist während der Fahrt jedoch nicht möglich. Auch die Mindestanforderungen an Belüftung, Temperatur, Wasser- und Futterversorgung sowie Raumangebot halten die Transportunternehmen oft nicht ein. Es gibt viele Fälle, in denen man Tiere stundenlang ohne Wasser und bei extremen Temperaturen transportiert hat. Schlecht ausgebildetes Personal und ungeeignete Transporter tragen zum Leid der Tiere zusätzlich bei. Denn viele Fahrer:innen kennen die gesetzlichen Vorschriften nur bedingt. Ruhephasen werden oft nicht eingehalten und die Versorgung der Tiere bleibt auf der Strecke. „In der Steiermark haben wir einen LKW mit Schlachtschweinen angehalten. Es hatte draußen rund 30 Grad, und der LKW war bereits über seinem erlaubten Transportgewicht. Deshalb hatte er den Wassertrank nicht befüllt. Das heißt, die Tiere waren stundenlang ohne Wasserversorgung unterwegs“, erzählt Waitz.

„Wir haben Schiffe in Rumänien gesehen, die dürften in Belgien nicht mal losfahren, weil sie in einem so schlechten Zustand sind“, so Waitz.

Während für den Landtransport zumindest begrenzte Transportzeiten festgelegt sind, werden Tiere auf Transportschiffen oft tage- bis wochenlang transportiert. Viele dieser Schiffe sind für den Transport jedoch ungeeignet, weshalb es häufig zu Verletzungen bei den Tieren kommt. Da es am Schiff aber keine Tierärzte gibt, können die verletzten Tiere auch nicht behandelt oder notfalls eingeschläfert werden. Die Besatzung wirft tote Tiere deshalb einfach über Bord.

Unter den Kälbern am rumänischen Schiff nach Jordanien befinden sich auch drei Kälber von Toni Schuster. Verängstigt, hungrig, durstig und eingepfercht in kleinste Abteile sind sie tagelang am Meer unterwegs. Ob Toni damit einverstanden wäre, wenn er das gewusst hätte, ist zu bezweifeln. Das globale Agrarsystem macht eine solche Ausbeutung dennoch möglich. Denn obwohl viele dieser Transporte gesetzeswidrig sind, transportiert man fleißig weiter. Ein Grund dafür ist, dass Verstöße kaum sanktioniert werden. „Wir haben viele Polizisten getroffen, die zwar willig waren einzuschreiten, aber einfach nicht gewusst haben, was sie dürfen und was nicht. Deshalb braucht es dringend eine Reform mit klaren Regeln, klaren Vorschriften, klaren Schulungen“, erklärt Waitz.

Die Forderungen

Bei den massenhaften Tiertransporten auf Europas Straßen wird das Versagen des europäischen Agrarsystems sichtbar. Das Problem: Statt lokal und regional wird importiert und exportiert. „Europa ist der größte Agrarimporteur und gleichzeitig auch der größte Agrarexporteur. Da zeigt sich ganz klar, dass es hier vor allem um Profit geht“, so Waitz. Um unnötige Tiertransporte zu verhindern, fordern Thomas Waitz und die Europäische Grüne Partei folgende Rahmenbedingungen:

  • Kürzere Transportzeiten für erwachsene Tiere von maximal 8 Stunden
  • Transportverbote für nicht von Muttermilch entwöhnte Tiere
  • Transport von Jungtieren erst ab fünf Wochen
  • Herkunftskennzeichnung für Fleisch, Eier und Milch in der Gastronomie
  • Exportverbot von Lebendtieren in Drittstaaten
  • Verbot von Tiertransporten auf Schiffen
  • Reform und bessere Durchsetzung der Tiertransportverordnung, strengere Kontrollen der Ruhe- und Transportbestimmungen
  • Förderung von regionaler Produktion, Direktverkauf und kürzeren Transportwegen
  • Förderung von alternativen Schlachtmethoden, wie Weideschlachtungen oder Schlachtung am Hof

Forderungen, die längst überfällig sind, meint Thomas Waitz. In den kommenden Monaten entscheidet sich, ob sie tatsächlich zur Realität werden. „Ende des Jahres wird die Kommission die Überarbeitung der Tiertransportverordnung präsentieren. Jetzt gilt es, den Druck auf die Kommission hochzuhalten, um jegliche Verwässerung zu verhindern“, erklärt der Politiker. Daher braucht es auch den Druck der Bevölkerung, den diese ist schon längst gegen die qualvollen Tiertransporte. Das zeigt eine Umfrage von VIER PFOTEN. Mehr als 93 Prozent der Befragten ist gegen den qualvollen Tiertransport und für strengere Regeln.

Fazit: Es braucht Mut für Veränderung

Bauer Anton Schuster und seine Kühe gibt es nicht wirklich. Die traurige Geschichte dahinter allerdings schon. Sie ist ein Paradebeispiel für unser verfehltes Agrarsystem. Um dem Tierleid ein Ende zu setzen, braucht es endlich Mut seitens der Politik, sich gegen die Agrarlobby zu stellen und ein Umdenken in der Gesellschaft. Denn auch jede:r von uns kann einen Beitrag zum Wohle der Tiere leisten: „Wichtig ist, dass sich Verbraucher:innen über die Herkunft von Lebensmitteln informieren und sich bewusst für Produkte von Kleinbauer:innen und artgerechter Tierhaltung entscheiden“, so Waitz. Langstreckentransporte sind veraltete Systeme, die im 21. Jahrhundert keinen Platz mehr haben.

Den kompletten Film von Thomas Waitz „Tierleid auf Rädern“ findet ihr hier:

Über die/den Autor:In

Linda Weidinger
Linda Weidinger
Linda hat Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie CREOLE an der Uni Wien studiert. Die letzten Jahre arbeitete sie als Journalistin und Social Media-Redakteurin. Ihr Ziel: Die Menschen aufzuklären. Ihr Traum: eine offene, tierliebe und tolerante Gesellschaft. Ihre Schwerpunkte: Gerechtigkeit, Klima- und Umweltschutz.

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