Endlich Gedenken in Gusen

Alle kennen die Bilder aus Mauthausen. Jedes Jahr findet dort die internationale Befreiungsfeier statt. Schulklassen wird dort das Ausmaß der Verbrechen der Nationalsozialist:innen vermittelt. Aber wer kennt das Nebenlager Gusen? Die KZ-Gedenkstätte wird nun erweitert – ein wichtiger Schritt für das Gedenken und gegen das Verdrängen.

Wenig erinnert in den oberösterreichischen Gemeinden St. Georgen und Langenstein heute noch an die Mordmaschinerie der Nationalsozialist:innen. Zwischen 1939 und 1945 wurden 70.000 Menschen in das Konzentrationslager Gusen deportiert und zur Arbeit im Steinbruch und unterirdischen Stollen gezwungen.  Mehr als die Hälfte hat nicht überlebt. Anders als das Stammlager Mauthausen kennt das Nebenlager Gusen kaum jemand und dementsprechend gibt es kein adäquates Gedenken.

Siedlung statt Gedenkort

Nach 1945 wurde das ehemalige Konzentrationslager weitgehend zerstört, geplündert und zum Teil mit einer Siedlung überbaut. Eine inoffizielle Gedenkstätte mit Gedenkstein und -tafel entstand nach Kriegsende auf Initiative ehemaliger französischer und polnischer Häftlinge beim Krematoriumsofen. Als die sowjetischen Truppen 1955 abgezogen sind, wurde das Lagergelände parzelliert. Die Gedenkstätte hätte nach Mauthausen übersiedeln sollen. Damit hätte man den einzigen Gedenkort in Gusen zerstört. Ehemalige italienische Häftlinge haben 1961 das Grundstück mit den Resten des Krematoriums gekauft und damit ein Memorial ermöglicht. Es steht heute inmitten einer Wohnsiedlung. Seit 2004 gibt es ein Besucherzentrum.

“Österreich wird alles tun, damit dieser Ort zu einem angemessenen Ort des Gedenkens umgestaltet wird.”

Bis heute sind unter anderem der Appellplatz, der Schotterbrecher und zwei SS-Verwaltungsgebäude erhalten. Die Fläche, auf denen sich diese Relikte befinden, hat die Republik heuer gekauft. In den kommenden Jahren sollen sie in die KZ-Gedenkstätte Gusen integriert werden. „Österreich wird alles tun, damit dieser Ort zu einem angemessenen Ort des Gedenkens umgestaltet wird, der dem Andenken aller Opfer würdig ist“, sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen anlässlich der Gedenkfeier im KZ Gusen im Mai.

Opferthese hemmte Gedenken

Der Ankauf der Flächen kommt spät. 77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs bietet er nun aber die Chance, die Gedenkwarteschleife zu durchbrechen. Die nationalsozialistische Vergangenheit wurde lange verdrängt. Vor dem Hintergrund der – oftmals falsch gelesenen – Moskauer Deklaration betrachtete sich das offizielle Österreich lange Zeit als erstes Opfer der nationalsozialistischen Aggressionspolitik. Jegliche Verantwortung für die Verbrechen schob man auf die Bundesrepublik Deutschland. Diese Opferthese hat für Jahrzehnte Gedenken und Wiedergutmachung gehemmt. Bis 1991. In einer Rede vor dem Nationalrat hat Bundeskanzler Franz Vranitzky die Mitschuld der Österreicher:innen an NS-Verbrechen und die Verantwortung nachkommender Generationen festgehalten: “Wir bekennen uns zu allen Daten unserer Geschichte und zu den Taten aller Teile unseres Volkes, zu den guten wie zu den bösen; und so wie wir die guten für uns in Anspruch nehmen, haben wir uns für die bösen zu entschuldigen – bei den Überlebenden und bei den Nachkommen der Toten.”

Aus der Geschichte lernen

Verdrängen hemmt auch das Lernen aus der Geschichte – und zu lernen gibt es viel. Gedenkstätten sind daher nicht nur Orte des Erinnerns, sondern auch der Bildung. Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen hat sich zum Ziel gesetzt, die Bevölkerung gegenüber nationalsozialistischer Wiederbetätigung, Antisemitismus, Rassismus, Diskriminierung von Minderheiten und Demokratiefeindlichkeit zu sensibilisieren. Lebendige Geschichtsvermittlung soll Menschenrechte vermitteln.

Orte der Trauer

Ein solcher Lernort soll auch die KZ-Gedenkstätte Gusen sein. Bereits im März wurde damit begonnen, diese zu erweitern. In diesen Prozess sollen Überlebende, Angehörige von Opfern, Anrainer:innen und Historiker:innen involviert werden. Mitte Mai fanden Rundgänge auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers für Interessierte statt.

KZ-Gedenkstätten sind aber nicht nur für die Bildung nachkommender Generationen enorm wichtig. Es sind Orte, an denen Menschen getötet wurden und damit Orte der Trauer für Überlebende und Nachkommen der Opfer. Sie verdienen es, an einem anerkannten Ort zu gedenken.

Über die/den Autor:In

Nicole Frisch
Nicole Frisch
Nicole studiert Politikwissenschaft und Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Das Ziel: Die Weltpolitik verstehen – und das Verstandene mit möglichst vielen Menschen teilen. Ihren Weg in den Journalismus hat sie über die NÖN gefunden. Ihre Schwerpunkte sind soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Migration und Vergangenheitspolitik.

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