Am 26. April jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 40. Mal. Was 1986 als fehlgeschlagener Sicherheitstest begann, entwickelte sich zur schwersten Nuklearkatastrophe der Geschichte – mit Folgen, die weit über die damalige Sowjetunion hinausreichten. Radioaktive Strahlung verseuchte ganze Landstriche, zwang Hunderttausende zur Umsiedlung und prägt bis heute Umwelt, Politik und das Leben der Betroffenen. Tschernobyl ist ein Mahnmal für das unvorhersehbare Restrisiko von Atomkraftwerken.

Ein Kommentar von Martin Litschauer

In Österreich werden sich fast nur Pensionist:innen an die Volksbefragung zur Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf im November 1978 erinnern. Damals wurde in den Werbefilmen noch behauptet, dass Atomkraftwerke nicht explodieren können. Dass bereits am 22. Februar 1977 im slowakischen Atomreaktor Bohunice A1 eine partielle Kernschmelze stattgefunden hatte, die den Reaktor zerstört hat, wurde zu dem Zeitpunkt von der Atomlobby verheimlicht. Die Atomkraftwerke wurden als beherrschbar und sicher dargestellt, eine Explosion nicht in Betracht gezogen.

Dann passierte am 26. April 1986 die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, der Super-GAU. Eigentlich sollte GAU – größter anzunehmender Unfall – schon alle Unfallmöglichkeiten beinhalten. Dass dieses Unfallszenario gar nicht abgebildet wurde und dann zum Super-GAU gesteigert werden musste, sagt einiges über die Atomlobby aus. Entweder wollte man die Probleme vor der Bevölkerung verheimlichen, dass eine mögliche Explosion in den Unfallbetrachtungen nicht vorkam, oder die Techniker hatten die Konstruktionen nicht ausreichend unter Kontrolle und zu wenig geprüft oder zu wenig sicher gestaltet. Beides ist aber bei so einer großen Gefährdungslage nicht akzeptabel.

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„Erinnern wir uns an 1986 und geben endlich zu: Atomkraft ist das Risiko nicht wert.“

Martin Litschauer

Österreich hat sich zum Glück gegen das AKW Zwentendorf entschieden, trotzdem wurden wir 1986 von den Auswirkungen von Tschernobyl schwer getroffen. Entschädigung gab es für Österreich nicht. Im Gegenteil, wir haben über Euratom sogar beim Sarkophag, der Sicherung der Atomruine, mitgezahlt. Eine Schutzhülle, die im Ukraine-Krieg durch eine russische Drohne wieder beschädigt wurde und noch immer nicht repariert werden konnte. So gab es praktisch keine Entschädigungszahlung und umfangreiche Versicherungen für Atomkraftwerke für einen möglichen Schaden von 700 Mrd. € fehlen bis heute.

Als Anti-Atom-Sprecher habe ich mich im Jänner 2022 mit Wassyl Chymynez, dem ukrainischen Botschafter in Wien, über die Atomkraftnutzung und Tschernobyl ausgetauscht und vor den Gefahren auch im Krieg gewarnt. Über 400.000 Aufräumarbeiter („Liquidatoren“) wurden eingesetzt, um die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl in den Griff zu bekommen. Der Botschafter hat mir erzählt, dass diese dann später auf alle Spitäler im Land aufgeteilt wurden, nicht nur aus Kapazitätsgründen, sondern auch, damit nicht offensichtlich wurde, wie viele an der Verstrahlung erkrankten. Dass Menschen dann verpflichtet werden, in die verstrahlten Gebiete zu fahren und dabei auch noch schlecht ausgerüstet sind, kann man eigentlich nicht verantworten. Trotzdem hat sich die Problematik nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima wieder gezeigt. Und auch dort hat man versucht, die Auswirkungen der Strahlung zu verschleiern. 25 Jahre nach Tschernobyl war man dort nicht wirklich besser vorbereitet. Auch Fukushima war keine Umweltkatastrophe. Dass die Schutzmauern zu niedrig sind, wusste man schon vor der Katastrophe. Höchste Sicherheitsstandards scheitern regelmäßig an den Kosten. Es darf aber nicht sein, dass aus Kostengründen an der Sicherheit gespart wird.

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Martin Litschauer hat zusammen mit der FREDA die Broschüre „Kernkraft – Kurzschluss im Klimawandel“ herausgegeben. Darin werden die häufigsten Irrtümer über Atomkraft zurechtgerückt: • Zum kostenlosen Download

Lange wurde behauptet, der Unfall in Tschernobyl wäre menschliches Versagen gewesen, doch so ganz stimmt das nicht. Die Baureihe des Tschernobyl-Reaktors war weit verbreitet in Russland und sollte weiter verbaut und eingesetzt werden. Es hätte ein großes wirtschaftliches Problem aufgeworfen, zuzugeben, dass die Baureihe ein Problem hat. Möglicherweise wäre es auch zu einem Versorgungsproblem gekommen, hätte man die gesamte Reaktorbaureihe vom Netz genommen. Da war es wesentlich einfacher, der Reaktormannschaft, die den Unfall nicht überlebt hatte, die Schuld zu geben.

2022 hat sich eine ähnliche Situation in Frankreich wiederholt. Damals mussten zahlreiche Reaktoren wegen Rissen in den Leitungen des Primärkühlkreises abgeschaltet werden. Mehr als die Hälfte der Reaktoren war damals nicht verfügbar, während Europa in der Energiekrise durch den Russland-Krieg steckte. Die meisten Reaktoren kamen aus ähnlichen Baureihen und damit hatte ein Problem einer Bauserie große Auswirkungen. Doch nicht alle Reaktoren mit Verdacht auf Rissbildung wurden sofort vom Netz genommen, viele wurden erst später überprüft. Der Grund war auch, dass die Reaktoren zur Stromversorgung dringend gebraucht wurden. Das zeigt aber, dass maximale Sicherheit nicht an oberster Stelle steht, und das ist problematisch. Eine Problematik, die sich bei SMR (Small Modular Reactors) wiederholen könnte, wenn diese modularen Reaktoren in Serie hergestellt werden.

Seit Tschernobyl hätte es viele Gründe und Möglichkeiten gegeben, aus Sicherheitsgründen von den Kernkraftwerken Abschied zu nehmen. Mittlerweile wird der Stromverbrauchszuwachs zu 100 % aus Erneuerbaren Energien gedeckt. Das hätten wir schon seit Jahrzehnten machen können. Aus militärischen Überlegungen gehen viele Staaten dieses Risiko unnötig ein und selbst Geld aus den Atommüllfonds wird für Rüstung verwendet.

Erinnern wir uns an 1986 und geben endlich zu: Atomkraft ist das Risiko nicht wert.

Martin Litschauer, war von 2019 bis 2024 Abgeordneter im österreichischen Parlament und Anti-Atom-Sprecher für den Grünen Klub. Bild: Karo Pernegger